Muskuloskelettale Schmerzen sind ein häufiger Beratungsanlass in der Primärversorgung.1 2 Zur Unterstützung der Diagnosestellung können bildgebende Verfahren eine wertvolle Ergänzung sein. Allerdings ist eine Bildgebung nicht in allen Fällen sinnvoll. Bildgebende Verfahren sollten gezielt und nur dann angewendet werden, wenn der erwartete Nutzen den potenziellen Schaden überwiegt.

Zu viel Bildgebung: Ein häufiges Problem
Die Abwägung des Einsatzes von Bildgebungen gelingt in der Praxis häufig nicht optimal. Besonders bei Kreuzschmerzen zeigt sich eine Überversorgung durch den Einsatz bildgebender Verfahren.3 Ähnliche Herausforderungen wurden auch bei anderen muskuloskelettalen Beschwerden festgestellt.4 In Deutschland wird beispielsweise bei etwa jedem*jeder dritten*dritter Patient*in mit Rückenschmerzen eine Bildgebung durchgeführt, die entweder zu früh erfolgt oder den Leitlinienempfehlungen nicht entspricht.5
- Es liegen Warnzeichen „red flags“ für eine schwerwiegende Grunderkrankung vor.
- Die konservative Behandlung versagt.
- Es liegt eine unerklärliche Progression der Symptomatik vor.
- Durch das Ergebnis der Bildgebung wird eine Veränderung der Behandlungsstrategie erwartet, d.h. aus der Bildgebung resultiert eine Konsequenz.

Hier finden Sie weitere allgemeine Empfehlungen zum Umgang mit muskuloskelttalen Schmerzen.
Wichtig:
Auf eine Bildgebung ohne Konsequenz sollte verzichtet werden.
Was sind mögliche Nachteile einer Bildgebung?
Studien und Leitlinien sind sich darüber einig, dass der Einsatz bildgebender Verfahren häufig nicht sinnvoll ist. Eine Meta-Analyse zeigt, dass der zu frühe, routinemäßige Einsatz von Bildgebung keine Vorteile in der Schmerzwahrnehmung, Funktion oder Lebensqualität der Betroffenen bringt.8
Eine Bildgebung kann aber auch zu einer Verschlechterung der Symptomatik beitragen. Patient*innen werden durch eine Bildgebung häufig mit altersbedingten degenerativen Veränderungen konfrontiert, welche oftmals nicht in Zusammenhang mit den aktuellen Schmerzen stehen.9 Dies kann Patient*innen einen falsch negativen Eindruck vermitteln, die Erwartungshaltung bzgl. einer Verbesserung der Schmerzen verringern und eine katastrophisierende Wahrnehmung bekräftigen und so zu einer Verschlechterung der wahrgenommenen Schmerzen beitragen. Hiervon sind insbesondere Patient*innen mit erhöhtem Risiko für eine ungünstige Prognose betroffen, etwa aufgrund bereits bestehender negativer Gedanken.10
Wichtig:
Insbesondere bei Menschen mit erhöhtem Risiko für eine Chronifizierung (z.B. bei negativen Gedanken über die muskuloskelettalen Schmerzen) sollte eine unnötige Bildgebung vermieden werden.
Studien zeigen darüber hinaus, dass Bilder nicht immer die Funktion eines schmerzenden Bereichs widerspiegeln. Einige Beispiele, die Sie auch für die Patient*innen-Kommunikation nutzen können:
Cave Bild ≠ Funktion
Ein Bild sagt nicht immer etwas darüber aus, ob der schmerzende Bereich richtig funktioniert. Daher sollte man vorsichtig sein, wenn man aus einem Bild Rückschlüsse auf die Ursache der Schmerzen zieht oder eine Operation veranlasst.
Was sind Barrieren einer leitliniengerechten Versorgung?
Die Überzeugungen von Ärzt*innen und Patient*innen stehen im Widerspruch zu evidenzbasierten Leitlinienempfehlungen. Ärzt*innen und Patient*innen sehen insbesondere Vorteile im Einsatz bildgebender Verfahren und lassen mögliche Nachteile häufig außer Acht15:
- Ärzt*innen und Patient*innen glauben, dass Bildgebung ein hilfreiches Tool für die genaue Lokalisierung der Schmerzursache ist.
- Für Patient*innen sind Bildgebungsbefunde der Beweis, dass ihr Schmerz real ist.
- Ärzt*innen fürchten Fehleinschätzungen, wie das Übersehen einer Diagnose sowie mögliche rechtliche Folgen.
- Ärzt*innen kommen mit der Anordnung einer Bildgebung den Erwartungen der Patient*innen nach.
- Ärzt*innen glauben, dass die Abwesenheit schwerwiegender Ursachen beruhigend für Patient*innen ist. Für Patient*innen können Ergebnisse welche „nichts zeigen“ jedoch frustrierend sein.
Hinweis: Das Universitätsklinikum Freiburg bietet ebenfalls eine Vielzahl von Angeboten für Ärzt*innen und Patient*innen an. Im Gesundheitsportal tala-med findet sich unter anderem ein Modul für Rückenschmerzen.
Literaturverweise
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